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Sabine Smolla - Anfang der Fünfziger Jahre, als die Zeiten wieder besser wurden.


Bericht meiner Oma, Sabine Smolla (23.08.1920-04.07.2007) zum Thema
Trümmerzeit 1945-1948 – eine Stadt erinnert sich
Das war das Motto einer Ausstellung im Münchner Stadtmuseum. Zu dieser Ausstellung wurden Zeitzeugen gesucht, und zwar über einen Artikel im Münchner Stadtanzeiger.


Betr.: "Stichwort Trümmerjahre" München, den 22. April 1981

Sehr geehrter Herr Prof. Prinz,

als kleinen Beitrag zur Münchner Stadtgeschichte 1945-1948 möchte ich Ihnen nachfolgend meine persönlichen Erfahrungen in dieser Zeit schildern. Die Beantwortung der Fragen laut Münchner Stadtanzeiger Nr. 22 vom 20.3.81 erfolgt auf gesondertem Blatt.

Als Flüchtlinge aus Schlesien kamen wir im Frühjahr 1945 nach Niederbayern und wurden im Rottal auf die dortigen Dörfer verteilt. Da ich im ländlichen Raum keine Arbeit finden konnte, ging ich Anfang Februar 1946 mit meinem Schwager nach München, um dort Arbeit zu suchen. Mein Schwager hatte Frau und 5 Kinder zu ernähren, ich meine alten Eltern und eine 2-jährige Tochter. Mein Mann war in Rußland vermißt.

Unsere Familien blieben im Rottal zurück, und wir machten uns auf die damals ziemlich abenteuerliche Reise (unregelmäßig verkehrende, hoffnungslos überfüllte Züge mit mehrmaligen Unterbrechungen) nach München – ohne Arbeit, ohne Unterkunft und natürlich auch ohne Zuzugsgenehmigung. Zu der Zeit gab es in München eine Katze, die sich sozusagen in den eigenen Schwanz biß. Ob Arbeits- oder Wohnungsamt, wo wir uns am ersten Tag meldeten, immer die gleiche Antwort: "Ohne Arbeitsnachweis und Zuzugsgenehmigung kein Antrag auf Zimmer- oder Wohnungszuteilung möglich" (auch bei formellem Antrag dauerte es bis zur Zuteilung Jahre) bzw. "ohne Unterkunftsnachweis in München keine Zuzugsgenehmigung und somit auch keine Arbeitsmöglichkeit".

Da uns das Wasser aber bis zum Hals stand, blieben wir in München und schliefen die erste Zeit in leeren Zügen am Hauptbahnhof. Morgens wusch man sich, Männlein und Weiblein in einer Schlange stehend, notdürftig an einem dünnen Hahn kalten Wassers; tagsüber mit hungrigem Magen auf Arbeitssuche; nachts wieder in die leeren Züge, bei denen wir vor lauter Übermüdung manchmal früh die Abfahrtszeit verpaßten und bis zur ersten Vorortstation mitfahren mußten.

Mein Schwager bekam dann Arbeit bei einer Baufirma, wo er in der Gemeinschaftsbaracke mit schlafen konnte. Nach vergeblichen Bewerbungen bei deutschen Firmen und Behörden hatte ich bei einer amerikanischen Ingenieur-Einheit Arbeit gefunden, die das 98th General Hospital am Kölner Platz (Krankenhaus München-Schwabing) wiederaufbaute. Ich hatte das englische Sprachdiplom und wurde als Dolmetscherin eingesetzt, zwischen den amerikanischen Ingenieur-Einheiten, den deutschen Arbeitern und Firmen-Chefs und einem vom Stadtbauamt München, Hochbau 2, abgestellten deutschen Architekten. Arbeitsmäßig hatte ich also Glück gehabt, denn ich hatte eine für die damalige Zeit gutbezahlte Stellung gefunden, wurde auch aufgrund meiner Sprachkenntnisse von deutscher wie auch amerikanischer Seite gut behandelt. Ich hatte aber immer noch keine Zuzugsgenehmigung (die erhielt ich erst Jahre später) und vor allem keine Unterkunft. So schlief ich halt weiter in den leeren Zügen, seit mein Schwager nicht mehr bei mir war mit einem kleinen Messer in der Hand, mit dem ich mich manchmal Zudringlichen gegenüber wehren mußte.

Meine amerikanischen Kollegen waren ein Bündel sehr offenherziger Sergeanten, die nach einiger Zeit freimütig bemerkten, daß ich zwar eine gute Arbeitskraft wäre, aber etwas gepflegter sein könnte. Ich brach, glaube ich, daraufhin in Tränen aus und erzählte ihnen von meinem Nachtlager. Für diese Kinder einer Badezimmer-Hochkultur war so etwas völlig unvorstellbar, und der Construction Supervisor, ein Leutnant, packte mich sofort in seinen Jeep und raste mit mir zum Wohnungsamt. Er brüllte zwar reichlich herum, erreichte aber verständlicherweise für mich gar nichts, denn "Amis" mit ihren "Fräuleins" im Schlepptau waren dort ein täglicher, für die deutschen Beamten sicher unangenehmer Anblick. Daß der Fall bei mir anders lag, wurde nicht zur Kenntnis genommen. Aber mein Chef boxte dann beiden amerikanischen Behörden durch, daß mir für die Dauer der Wiederaufbauarbeiten am Krankenhaus ein von den Amerikanern beschlagnahmtes Zimmer zur Verfügung gestellt wurde. Das lag in Neuhausen, zur Nordseite heraus und war nicht heizbar – trotzdem für mich ein kleines Paradies. Später haben mir dann deutsche Kollegen einen alten Ofen angeschleppt und das Rohr durch das Fenster ins Freie verlegt (mitten durch die Fensterscheibe hindurch mit einem Isolierring herum). Der Rauch hinterließ außen an der Hauswand eine lange, kohlschwarze Spur.

Der Weg zur Arbeit war früh und abends ein Abenteuer. Weiß-Ferdls "Wagen von der Linie 8" hat es schöner beschrieben, als ich es tun könnte. Manchmal gingen auch diese mit Menschentrauben behängten Wagen nicht mehr, meistens an stürmischen Tagen, wenn die Ruinen wie Kartenhäuser zusammenfielen und die Trümmer Strecken auf Stunden hinaus versperrten. Mehr als einmal bin ich vom Kölner Platz bis ins hinterste Neuhausen zu Fuß nach Hause gelaufen. Damals gehörte die ganze Stadt den Fußgängern und ein paar glücklichen Fahrradbesitzern; die wenigen (meist amerikanischen) Autos wurden gar nicht ernstgenommen. So liefen wir abends in ganzen Grüppchen mitten auf der Leopoldstraße stadteinwärts. Das war trotz Ruinen, Hunger und Kälte irgendwie schön, und gelacht haben wir in jener Zeit, glaube ich, mehr als die heutigen Spaziergänger in Münchens wunderschönen Fußgängerzonen.

Nach Beendigung der Wiederaufbau- und Neubauarbeiten im Krankenhaus Schwabing (Juli 1947) arbeitete ich bei der JEIA, Joint Export Import Agency, Foreign Trade Division Bavaria, bis zu deren Auflösung im November 1949. Vielleicht ist das auch für Sie von Interesse. Es mußte jeder Export (vorwiegend Hopfen, Bier und Porzellan) und Import durch diese Behörde genehmigt werden, auch die ersten deutschen Filme und Theateraufführungen, bei denen das Publikum im Mantel und trotzdem noch frierend in ungeheizten Sälen saß. Sicher hat auch Luise Ulrich unser Büro in der Tegernseer Landstraße (McGraw Kaserne) für ihre ersten Auftritte in Münchner Theatern besuchen müssen, aber genau erinnern kann ich mich an Heinz Rühmann. Das hatte sich wie ein Lauffeuer bei uns herumgesprochen, daß dieser Publikumsliebling im Vorzimmer unseres Chefs, Mr. Nevin, saß, um auf irgendeine Genehmigung zu warten. Da schlichen wir natürlich alle schnell mal vorbei, um einen Blick auf ihn zu erhaschen, Das waren so die kleinen Freuden jener Zeit.

Um meine Familie zu mir nehmen zu können, zog ich 1947 nach Waldperlach in die damalige sogenannte "Zigeunersiedlung". Es ist die spätere Siedlung "Heideland", die nicht zuletzt durch die Tatkraft unseres damaligen Mitbewohners, Stadtrat Horst Salzmann, in die Geschichte der Stadt München eingegangen ist. Nach dem Krieg lebten hier am Stadtrand, mitten im Wald, Ausgebombte und Flüchtlinge in Baracken und Behelfsbauten der seltsamsten Art, u.a. gab es auch eine Hütte aus aufgeschnittenen Wellblechdosen der amerikanischen Kantine des Neubiberger Flughafens, auf denen noch "apple juice" etc. zu lesen stand. Wir hatten keine Straße, kein elektrisches Licht (später Behelfsleitung) und keine Wasserleitung (Pumpe in 100 m Entfernung, an der uns im Winter die Hand anfror). Alle diese Anlagen wurden nach und nach von uns in Gemeinschaftsarbeit erstellt. 1952 baute die Stadt München hier eine kleine Siedlung, in der ich noch heute – recht zufrieden – lebe.

Sabine Smolla

P.S.
Aus der Trümmerzeit hätte ich noch einige Dinge, die ich nachfolgend aufführe. Sollten diese für Sie von Interesse sein, bitte ich um Nachricht:

Einige kleine Photos mit Teilen des zerstörten Schwabinger Krankenhauses
Ein Photo der JEIA Export Rekorde aus dem Jahr 1947

Ein Zeitungsausschnitt über eine (sehr lustige) Straßenbahnbilanz vom 1.1.47 bis 15.1.47

Die Nummern 1 u. 6 der Zeitung "Bayerischer Tag" v. 19.5.45 u. 23.6.45 sowie eine Sonderausgabe vom 6.6.45 mit der Deklaration zur deutschen Niederlage. Herausgeber: 12. Amerikanische Heeresgruppe für die deutsche Zivilbevölkerung.

Sonderausgabe der "Neuen Zeitung" vom 1.10.46 zum Nürnberger Prozeß

Als "Kuriosität" – eine bayrische Trachtenjacke für meine damals 3-jährige Tochter. Für Flüchtlinge kamen 1947 Mäntel aus deutschen Heeresbeständen zur Verteilung. Daraus nähte ich mit der Hand diese kleine Trachtenjacke. Die roten Offiziersstreifen wurden als Taschen- und Kragenaufschläge verwendet. Da wir selbst Nähgarn nicht besaßen, haben wir die Militärmäntel vorsichtig aufgetrennt. Mit diesen aufgetrennten Fäden wurde die Jacke mit der Hand genäht.

Anlage
Beantwortung der Fragen

1. [Wie und unter welchen Lebensumständen haben Sie das Kriegsende und den Einmarsch der Amerikaner in München erlebt?]
nicht in München – im Rottal in Niederbayern
Einmarsch der Amerikaner dort verlief ohne Schwierigkeiten. Später kamen nur bei den Bauern jede Nacht Hausdurchsuchungen. Der Militärflughafen Pocking lag in der Nähe und deutsche Luftwaffensoldaten hielten sich bis zum Waffenstillstand bei den Bauern versteckt.

2. [Wie haben Sie die Amerikaner als Besatzungsmacht empfunden?]
zuerst ein bißchen komisch, weil sie sich so anders benahmen als unsere Soldaten, u.a. sprachen "meine" Sergeanten im Krankenhaus Schwabing mit ihrem Leutnant oft mit vollem Mund, während ihre Füße auf dem Tisch lagen. Das waren aber noch Teile der Kampftruppen, die später abgestellten Einheiten waren etwas disziplinierter.
Was ich an den Amerikanern im allgemeinen sehr mochte, war die Art der freien Meinungsäußerung, die ich erst durch sie lernte (als Kind in Hitler-Deutschland aufgewachsen). Das war mir so neu, daß ich direkt in einen Rausch verfiel, bei allem und jedem zu widersprechen. Sie ertrugen es mit Fassung, fanden mich – glaube ich – ganz anregend. Die Sergeanten nannten mich immer "Miss But", weil ich bei jedem Thema ein "but" (aber) einzuwenden hatte.
Als Chefs zog ich sie manchen deutschen vor. Ich habe später noch viele Jahre beim amerikanischen Konsulat gearbeitet, hatte also Vergleichsmöglichkeiten. Im allgemeinen waren die amerikanischen Chefs sehr menschlich, fast kumpanisch, mit ihren Untergebenen – "Dünkel" und "Radlfahren" waren ihnen fremd. Das alles sind aber Erfahrungen, die ich durch meine jahrelange Zusammenarbeit mit ihnen machte.
Rein als Besatzungsmacht habe ich sie nur in Niederbayern erlebt, auch da vielleicht in besserem Licht als andere Deutsche, da ich mich mit ihnen fließend unterhalten konnte. Bei den Hausdurchsuchungen holte man mich nachts aus dem Bett zum Dolmetschen, und mit vielen der zuerst so streng und energisch auftretenden Durchsuchungssoldaten habe ich mich anschließend sehr gut unterhalten. Auch gingen sie fast nie an einem Kinderbett vorüber, ohne etwas von ihren "rations" hineinzulegen.
Noch eine kurze Episode aus der Besatzungszeit: Mein Vater wurde schwer krank, Ärzte und Medizin waren Mangelware. Die Herz-Spritze, die ihm noch helfen konnte, war nur in Passau in einer Apotheke zu erhalten. Das war im Mai 1945 im Rottal. Wir hatten noch keine Ausweise, daher strenges Ausgehverbot und durften uns auch tagsüber nur wenige Kilometer im Umkreis unseres Wohnortes bewegen. Mir blieb jedoch keine andere Wahl, als zu versuchen nach Passau zu kommen, was mir in einem offenen Viehwagen auch gelang. Nachdem ich die Spritze besorgt hatte, geriet ich am Bahnhof Passau in eine Razzia der MP, wurde mit vielen anderen, die ohne Ausweis aufgegriffen wurden (Passau hatte bereits Ausweise ausgegeben, die Landgemeinden hinkten nach), auf Lastwagen geladen und aufs "Oberhaus" gefahren. Von dort aus sollten wir zur Strafe auf einige Tage in ein Arbeitslager nach Linz geschafft werden. Wieder durch meine Möglichkeiten, mit Ihnen zu reden, drang ich bis zum höchsten Offizier vor und konnte ihm meine Lage schildern. Man ließ den Truppenarzt kommen, besah sich Rezept und Spritze, fand den Fall dringend und brachte mich mit dem Jeep zurück zum Bahnhof.

3. [Wie haben Sie die "Entnazifizierung" damals empfunden und was denken Sie heute darüber?]
Die Entnazifizierung war sicher notwendig, nur fand ich die Art und Weise nicht richtig. Die Amerikaner verließen sich – ohne gründliche Nachprüfung – vorwiegend auf Denunziationen, was für kleinliche Racheakte Tür und Tor offen ließ. Das mißfiel mir damals sehr, und darüber denke ich heute noch genauso.

4. [Von den Lebensmittelrationen konnte man nicht leben; was haben Sie getan, um trotzdem über die Runden zu kommen?]
Als Flüchtlinge hatten wir keine großen Wertsachen auf dem schwarzen Markt anzubieten. So fuhren wir aufs Land zum Hamstern. Meine Neuhausener Wirtin stammte aus der Hollertau, und von dort haben wir uns manchen Rucksack Eßwaren nach München geholt. Im Sommer suchten wir an Wochenenden in den Wäldern der Umgebung Beeren und Pilze zum Essen – Holz und Tannenzapfen zum Einheizen. Als wir später bei den Amerikanern mit in der Kantine essen durften, habe ich oft für meine Familie kleine Kostbarkeiten (Frühstücksfleisch, eine Orange etc.) durch die Wachen des Krankenhauses Schwabing geschmuggelt. Offiziell war es verboten, Lebensmittel mit herauszunehmen. Und wenn sie uns dabei erwischten, nahmen sie es uns weg und warfen es vor unseren Augen in den Abfall. Das fanden wir damals sehr grausam. Es gab aber auch Wachsoldaten, die beide Augen zudrückten, wenn sie unsere ausgebeulten Taschen sahen.

5. [War das Münchner Kulturangebot damals – trotz der schwierigen Wohnungs- und Ernährungslage - interessant? Wenn ja, sind Ihnen aus dieser zeit irgendwelche Theaterstücke, Musikdarbietungen, Zeitungsartikel oder Bücher unvergeßlich im Gedächtnis geblieben?]
Das Kulturangebot jener Zeit war sicher sehr interessant, leider hatte ich keine Möglichkeit etwas zu sehen, lebte doch etwas im Abseits.

6. [Was bedeutete für Sie die Währungsreform?]
vorwiegend wieder mehr zu essen – abgewertete Sparbücher.

7.[Als Sie durch das Trümmer-München von 1945 gingen, was ist Ihnen im Vergleich zum alten München besonders aufgefallen?] Leider kannte ich das alte München nicht.

8. [Empfinden Sie die schweren ersten Nachkriegsjahre insgesamt eher als positiv oder als negativ?]
unbedingt positiv! – Es war ein sehr intensives Leben. Man kannte keine Langeweile und Lebensüberdruß, sondern freute sich von einem Tag zum anderen, wenn man etwas zu essen hatte und eine mehr oder weniger warme Stube. Jeder versuchte, sich irgendwie über Wasser zu halten. Man hatte die gleichen Probleme und fand dadurch Freunde leichter als heutzutage.

9. [Würden Sie es begrüßen, wenn an dieser Stelle weitere Fragen über diese Zeit gestellt würden? Wenn ja, hätten Sie Vorschläge?]
Ja sehr! – Vorschläge fallen mir im Moment leider keine ein.


Sabine Smolla 1964 - das Schweinchen bin natürlich ich...



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